Flexibel unter Vorbehalt

Von Dienstnehmer- und Dienstgeber-Vertretern heftig und emotional diskutiert, ist es zwischenzeitlich Realität: Das neue Arbeitszeitgesetz, das laut Regierung beiden Seiten höhere Flexibilität bieten und längere Tagesarbeitszeiten ermöglichen soll, trat mit 1. September 2018 in Kraft. Anstatt über ihre Arbeitskräfte „drüber zu fahren“ tun die Unternehmen gut daran, den Kompromiss mit ihnen zu suchen. Das ist gut fürs Employer Branding und für die Mitarbeiterloyalität.

Für Florian ist es genau so wie für Anna eine tägliche Herausforderung: Schafft er es rechtzeitig, bevor er Sophie in den Kindergarten gebracht hat, ins Krankenhaus? Kommt sie früh genug aus dem Altenheim, um auch noch ihrer Mutter ein warmes Essen und die Medikamente anzurichten? Jeder für sich kennen sie die Diskussionen mit Kolleginnen und Kollegen, mit der Team- oder Hausleitung, die den Druck wiederum auch nur von weiter oben nach ganz unten durchleiten. Mehr Personal ist aber nicht drin, und gerade die Randzeiten - Frühstücks- und Abenddienste samt der wichtigen Hygienearbeit mit den KlientInnen und PatientInnen - müssen einfach ordentlich und verlässlich abgedeckt werden. 

„Freizeit“ als Definitionssache


Auf der einen Seite genießen es sowohl Anna wie Florian, im Freundeskreis oder mit der Familie auch mal unter der Woche etwas zu unternehmen und mehrere Tage am Stück frei zu haben. Das ist ein Vorteil gegenüber vielen anderen Berufen. Und trotzdem ist es für Florian dann wieder eine Herausforderung, wenn er einen „geteilten Dienst“ hat. Er genießt dann weniger die freie Phase vor und nach den Mittagsstunden, als sich viel mehr um die Vorbereitungen für den Abend zu kümmern, sodass er Sophie dann nicht zu spät ins Bett bringt. Anna wiederum würde nach einem 12-Stunden-Dienst gerne einfach nur ins Bett fallen, anstatt auch zu Hause noch Pflegerin sein zu müssen.  

Gemeinsam an einem Strang ziehen

Dass gerade im Bereich Gesundheit und Pflege auch die Dienstgeber wenig Bewegungsraum haben, dafür fehlt es beiden nicht an Verständnis. Aber Florian und Anna wäre schon geholfen, wenn sie im Fall von erkrankten KollegInnen nicht auch noch kurzfristig einspringen müssten: Wenn also die Zeit mit ihren Liebsten zuverlässig planbar wäre und sie nicht auf die Flexibilität der KindergartenpädagogInnen oder der Haushaltshilfe setzen müssten. Wenn alle gemeinsam an einem Strang ziehen.

Unterm Strich wird damit klar, dass Flexibilität keine „Einbahnstraße“ und nicht allein auf der Dienstnehmer-Seite einzufordern ist. Wer dies als Arbeitgeber verinnerlicht und im Recruiting kommuniziert, stärkt sein Employer Branding. Und fördert zugleich auch die Loyalität der Belegschaft gegenüber dem Unternehmen.